

Alle Geschichten auf die riesige Fähre werfen, die langsam davonfährt. Am alten Leuchtturm vorbei, am Hochhaus-Hotel, hinaus aufs offene Meer.
Ohne Schuhe durch den Sand, die abbröckelnde Küste. Ein Kormoran erhebt sich von einer Sandbank und breitet die Flügel aus. Am Ufer liegt ein toter Schwan mit verdrehtem Hals, auf einer Seite sind die Rippen zu sehen. Im diesigen Licht winken wir nach drüben.
Immer eine Hymne schreiben wollen an das erste Schneeglöckchen, den ersten Krokus, an das plötzlich so veränderte Licht und die unverhofften Blütenteppiche auf Verkehrsinseln, in Vorgärten und im Stadtpark.
Der Amazonas des Nordens windet sich in großen Schleifen durch die Landschaft. Der erste Abschnitt wird von Schiffern und Seglern seit alters her Langer Jammer genannt, weil er so schmal ist, das bei ungünstigem Wind nicht oder nur sehr mühsam aufgekreuzt werden kann. Außer Enten und Blesshühnern ist auf dem Wasser heute aber niemand unterwegs.
Am Nachmittag am Kanal einen Brief lesen, der vom Tod handelt. Den Brief einstecken, als habe er Schmerzen. Ein Hund sucht sein Herrchen, eine Ampel schaltet nie auf Grün. Vertrocknete Beeren am Strauch, Schneiderkreide in der Tasche. Ich könnte meine Umrisse auf den Asphalt zeichnen.
Am Hafen liegen zwei Boote, auf denen geräucherter Fisch verkauft wird. Im Souvenirgeschäft gibt es Plüschmöwen, die kreischen, wenn man auf die Brust drückt. Im Hafenbecken schwimmen letzte Eisschollen, ein bewegliches Puzzle. Dazwischen der Körper eines toten Schwans, der hin- und herschwappt.
In dem kleinen Trödelladen steht ein Mann mit Pfeife und preist das schwarze Telefon an. Es würde noch funktionieren, meint er, und nimmt die Pfeife aus dem Mund. Ein ganz besonderes Stück aber wäre das Buch über Piraten mit kleiner integrierter Schatztruhe. Echtes Blattgold. Auch das Piraten-Kochbuch könne er sehr empfehlen. Störtebeker sei übrigens aus der Stadt, sein Geburtshaus nicht weit entfernt. Später müsse ich unbedingt noch in ein spezielles Café gehen, sagt er und steckt mir eine Karte zu.
Das Schilf, das im Licht zittert, der letzte Schnee auf den Wegen. Am Stamm eines Baumes fehlt ein Stück Rinde, das Holz darunter leuchtet rötlich wie eine Wunde. In einem Busch ein leeres Futternetz für Vögel, in den Schutzhütten am Wegrand sitzt niemand. Eine Birke umarmt den Nachbarstamm. Ein kleiner See leuchtet durch die Schilfreihen, es wispert überall.
Die alte Eiche auf den Wallanlagen ist über 500 Jahre alt. Sie stand schon, als Luther seine Thesen anschlug, sie sah Napoleon kommen und gehen und blickte über zwei Weltkriege. Ich lege die Hand auf den knorpeligen Stamm, um etwas von ihrer Ruhe aufzunehmen.
Die Krähe hackt am Kanalufer die Erde auf, die Enten haben ihre Köpfe ins Gefieder gesteckt. Auf dem Mühlenteich treibt noch eine letzte Eisscholle, zwei Möwen sitzen darauf und fahren ungerührt um den See. Die Blesshühner schauen ihnen hinterher.